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29.10.2018

Scheibes Kolumne: Interna aus der Redaktion!

Jeden Monat aufs Neue muss eine weitere Ausgabe von ZEHLENDORF.aktuell fertiggestellt werden. So mancher Leser fragt sich, was da wohl hinter den Kulissen des investigativen Lokaljournalismus so vor sich geht. Zunächst einmal: Ständig klingelt das Telefon, schlägt der Facebook-Messenger an, kommen E-Mails an und zeigt Whats­App neue Nachrichten an.

Meist ist der Tenor der Meldungen dieser: „Schreibt doch mal bitte über…“

Unser Problem: Wir wollen unbedingt hyperlokal bleiben. Aus diesem Grund können wir eben leider nicht über das drohende Aussterben der buntkarierten Schiffsbugmuschel aus der Kieler Förde berichten, auch wenn es gerade ganz Europa brennend interessiert. Auf der anderen Seite ist es auch kein Thema für uns, wenn eine Kita aus dem Einzugsgebiet einen neuen Wasserspielplatz bekommt. Weil das eben nur die Eltern der Kinder begeistert, die diese Kita bereits besuchen. Und deswegen den Spielbereich schon kennen.

Im Büro sitzen die Kolleginnen auf der linken Seite des Chefbüros. Ob der Tinitus im linken Ohr seinen Ursprung wohl in der weiblichen Schnellsprech-Tratsch&Klatsch-Dauerbeschallung aus dem Nachbarbüro hat? Auf jeden Fall bekomme ich sozusagen aus Versehen Dinge über die täglichen Probleme von Frauen mit, von denen Männer besser nie etwas hätten erfahren sollten. Eine spontane Errötung tritt auch nur bei dem kleinsten Gedanken an das Gehörte ein.

Eine wichtige Aufgabe der Damen im Alltag: Bitte keine Anrufe durchstellen, wenn gerade wichtige Artikel in der Mache sind. Der eine oder andere Anrufer schafft es aber doch immer wieder am östrogenen Schutzwall vorbei. Weil es ganz besonders dringend ist. Weil der Fortbestand des Universums davon abhängt. Und am Ende heißt es dann doch nur am anderen Ende der Leitung: „Könnten Sie es sich vorstellen, einen Wasserspender für Ihr Büro anzumieten? Für den Wartebereich? Wie, Sie sind nur ein kleines Team ohne Wartezimmer? Dann brauchen Sie den Wasserspender ja gar nicht.“ Wie schaffen es diese Jungs nur immer, jede Telefon-Firewall zu durchbrechen?

Etwa die Hälfte der Zeit in einer Woche bin ich unterwegs – Recherchen durchführen. Böse Zungen behaupten, die Recherchen würden ja doch nur aus Restaurantbesuchen und Probe-Essen bestehen. Was nicht stimmt. Oft bin ich auf dem Motorroller „on tour“, weil ich hier auch bei großen Events immer noch einen nahen und damit laufarmen Parkplatz finde. Leider fährt der Roller nur knapp 50 Stundenkilometer. In der Großstadt reicht das völlig aus. Bei der Fahrt durch den Wald kann ich aber jeden Baum einzeln zählen, so quälend langsam brummt das Zweirad. Am Ende muss ich mir trotzdem die zermatschen Fliegen von den Zähnen kratzen.

Vor Ort habe ich ein großes Problem: Ich erkenne Menschen, die ich schon einmal interviewt habe, oft nicht wieder. Das bedeutet: Ich erkenne sie, aber weiß den Namen nicht mehr, wenn sie nicht in ihrem natürlichen Habitat in ihrer normalen Dienstkleidung auftauchen. Der KFZ-Meister ohne Blaumann auf einem Straßenfest oder der Zahnarzt ohne Kittel in einem Restaurant – schon lege ich mir die Karten. Während mir die Schweißperlen von der Stirn rinnen, denke ich intensiv nach und durchblättere im Gehirn mein Adressbuch, während ich im Gespräch so tue, als wüsste ich längst Bescheid, wer mir da gerade jovial auf die Schulter geklopft hat.

Die neue DSVGO hat bei den Menschen Ängste geschürt. Interviews und Zitate bekomme ich auf lokalen Events meist ohne Probleme. Auf einmal heißt es aber – bitte ohne Namen. Und ohne Foto. Wegen der Datenschutzverordnung. Was ist denn so schlimm daran, in der Presse zu erscheinen? Freundliche Gesichter sind das Salz in der Suppe einer jeden Reportage.

Am Ende gelingt es doch immer wieder, ein neues Heft zu füllen. Während der Drucker Überstunden schiebt, um die Termine zu halten, die wir wegen verspäteter Abgabe gefährden, frönen wir schon längst dem erschöpften Büroschlaf. Doch der Drucker bekommt seine späte Rache: Meistens klingelt die Spedition mit den neuen Paletten genau in der Sekunde vor Bürobeginn, wenn ich gerade unter der Dusche stehe. (Carsten Scheibe, Foto: Tanja M. Marotzke)

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