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25.03.2017

Scheibes Kolumne: Ich habe Futterneid!

Schlechte Charaktereigenschaften gibt es zur Genüge. Der eine flucht im Auto, der andere drängelt sich in jeder Schlange vor. Manche trinken gern einen über den Durst und werden dann aggressiv. Oder sie reden zu laut, kommen einem zu nahe, sind Angeber oder popeln in der Öffentlichkeit.

Ich leide an einem anderen Makel: Ich habe Futterneid! Und wie! Sobald Essen auf den Tisch kommt und es befinden sich weitere Menschen im Raum, beginnen meine Neuronen zu feuern.

Bei einem Buffet überschlage ich kurz vor der Eröffnung, wie weit der Weg zu den Tellern ist, ob sich die potenziellen Konkurrenten um die Leckereien bereits von ihren Stühlen erheben oder wie üppig die Auslagen mit Futter belegt sind. Oft lasse ich beim Sturm auf das Buffet der Höflichkeit wegen wenigstens noch eine dürre Frau vor, damit ich nicht der Erste bin. Die dürre Frau will eh nur an das Grünzeug, während ich als Zweiter in der Reihe den Fleischtrog mit der großen Kelle ausweiden kann. Ich will nicht behaupten, dass ich beim pochierten Lachs oder beim Krustenschweinebraten zu knurren anfange, wenn hinter mir einer zu drängeln beginnt. Aber ja – es könnte passieren.

Wird bei einer Familienfeier ein Kuchen gereicht, werde ich zum Mathematiker. In wie viele Stücke wurde der Kuchen zerschnitten? Wie viele Personen sind anwesend? Wie viele Stücke bekommt dann jeder? Sind einzelne Stücke größer als andere? Insbesondere beim Käsekuchen bin ich versucht, den Finger in den Mund zu stecken, um dann alle Stücke der Reihe nach zu berühren – meins, meins, meins!

Für jemanden, der an Futterneid leidet, gibt es eine soziale Einrichtung, die absolut inakzeptabel ist und die sofort für einen steinernen Kloß in der Magengrube sorgt. Das ist das – Teilen. Jemand, der Futterneid hat, teilt nicht. Wir haben diese Diskussion immer wieder, wenn es um das gesellige Fleischessen vom Heißen Stein geht. Dann kommt immer jemand aus der Bekanntschaft auf die Idee, den Heißen Stein einfach vollzupacken – und jeder nimmt sich dann einfach irgendwas. Was ist das denn für eine grauenhafte Idee? Besser ist es, sich seine eigene Ecke auf dem Stein zu erkämpfen, hier die besten Fleischstücke zu bunkern, um dann mit Pilzen und Paprika einen Verteidigungswall gegen den Rest der hungrigen Sippschaft aufzubauen.

Meine bessere Hälfte meckert immer, dass mein Futterneid sogar bei den Kindern durchschimmert. Sie gibt ohne Nachzudenken die schönsten, besten und leckersten Essensstücke an den Nachwuchs weiter. Das würde mir nie in den Sinn kommen. Wer so jung ist, muss kämpfen lernen. Und wer so klein ist, braucht schließlich gar nicht so viel zu essen.

Immerhin: Futterneid ist genetisch bedingt. Bei jedem Raubtier bekommt das Alphatier die ersten Bisse. Und verteidigt seine Beute mit wütendem Grunzen gegen den Rest der Familie.

Das Schlimme ist, dass der Futterneid quer durch die Geschlechter doch stärker verbreitet ist, als es die Therapeuten vermuten würden. Ganz schlimm ist der Futterneid auch bei meiner eigenen Tochter ausgeprägt. Beim besagten Kuchen schauen wir uns über den duftenden Kuchen hinweg an – mit in bester Westernmanier zusammengekniffenen Augen und der Gabel in der Hand. Dann stechen wir blitzschnell zu. Wer zuerst die Gabel im größten Kuchenstück versenkt, gewinnt.

Regelmäßige Duelle gibt es auch mit meiner ehemaligen Büropraktikantin. Müssen wir uns ein XXL-Schnitzel oder eine Riesenpizza teilen, dann gönnt keiner dem anderen auch nur einen Bissen. Das Gute ist, dass unser Magen oft kleiner ist als die Gier. Und nach ein paar gierig heruntergeschlungenen Bissen sorgt die einsetzende Sättigung für das Aufkeimen von Höflichkeit: „Bitte schön, ich bin schon satt, den Rest darfst du gern haben.“ – „Ach nein, ich gönne dir das. Lang ruhig ordentlich zu.“

Ich glaube, wir müssen eine Selbsthilfegruppe gründen. (Carsten Scheibe, Foto: Tanja M. Marotzke/unten:CS)

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