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02.01.2017

Scheibes Kolumne: Schule einmal ganz anders!

Letztens habe ich geträumt, ich bin wieder in der Schule. Im Werner-von-Siemens-Gymnasium in Nikolassee. Nichts hat sich im Traum geändert in den über 30 Jahren, die ich nach dem Abitur schon hinter mich gebracht habe. Nur ist bei bei meinem erneuten Schulbesuch plötzlich alles anders.

Im Mathematik-Unterricht haben Logarithmen, Flächenberechnungen, Kurvendiskussionen und Integrale Pause. Stattdessen steht nun auf einmal Pokern auf dem Lehrplan. Wir diskutieren, wieviele Outs ich mit meiner gegebenen Hand und dem ausliegenden Flop habe, wie viele Chips ich passend zu meiner Position zum Button setzen soll und wie ich meine Mitspieler so unter Druck setzen kann, dass sie ihre Karten folden, also wegwerfen müssen.

Wahrscheinlichkeitsrechnung führt hier zum Erfolg: Wie hoch ist die Chance, dass jetzt noch eine Herz-Karte auf den Tisch gelegt wird? Der Lehrer sitzt im schwarzen Anzug am grünen Pokertisch, die Schüler setzen ihr ganzes Taschengeld. Wer gewinnt, bekommt gute Noten.

Weiter geht es beim Sport. Fußball habe ich immer gehasst, Geräteturnen war mir eine Qual. In meiner Traumschule gibt es das alles nicht. Der Schul-Sportplatz entpuppt sich als 9-Loch-Golfplatz inklusive Wasser-Hindernis. Ich lasse mir ein Sechser Eisen reichen und hämmere den weißen Ball 120 Meter weit direkt aufs Grün neben die Fahne.

Der Hausmeister verneigt sich anerkennend. Ich freue mich: Nächste Woche stehen Bogenschiessen und Fechten auf dem Stundenplan. Badminton würde mir auch gut gefallen. Die Sportlehrerin reicht Isogetränke und frisch geschälte Wassermelone. In der Theoriestunde höre ich ein Referat über das Liebesleben von Tiger Woods. So ein Schlingel!

Im Biologie-Unterricht geht es wieder nach draußen. Wer findet als erstes einen Käfer auf dem Schulhof und kann ihn korrekt bestimmen? Mein Nachbar ist vor mir fertig, da fliegt sein Käfer plötzlich davon – und wird von einem Vogel gefressen. Ich muss grinsen – Glück gehabt. Der Biolehrer kündigt am Ende der Stunde an, dass wir bald eine Klassenfahrt nach Portugal machen. Der Grund ist ein rein wissenschaftlicher: Wir wollen die Entwicklung von mikroskopisch kleinen Muschelkulturen auf der Unterseite vielgenutzter Surfbretter erforschen. Das klingt nach einem Plan!

Musik steht jetzt auf dem Programm. Ich muss aber keine Noten lesen, keine peinlichen Lieder singen und mir auch nix über Mozart anhören. Stattdessen referiert der Musiklehrer über das Oevre des Kanadiers Neal Young und kündigt an, dass wir sämtliche CDs des Folk-Grundge-Sängers hören werden, um den thematischen Wechsel in seiner gesungenen Gesellschaftskritik über die Jahrzehnte zu ergründen. Damit wir uns besser auf die Musik von „Cortez the Killer“ bis „The Monsanto Years“ einlassen können, liegen Sportmatten im Klassenraum aus. Kerzen brennen, das Licht ist gedimmt, Tee wird gereicht.

Technisch wird es jetzt im Werkunterricht. Wir lernen, wie man ein iPhone auseinanderbaut, um den Akku auszutauschen. Das ist gut, denn die Dinger halten echt nicht lange und machen schon nach einem Jahr richtig Probleme: Mein Akku schaltet das Telefon immer wieder von selbst aus, sobald er kalt wird. Die Schüler, die das mit dem Akku schon können, bauen neue Ladebuchsen ein oder löten neue Stecker an Kopfhörer, die einen Wackelkontakt hatten.

Im Fach Geschichte geht es um die Entwicklung des Kinofilms in den letzten Jahrzehnten. Ich halte ein Referat über den Schauspieler Adam Sandler und vergleiche seinen Film „Kindsköpfe“ mit dem früher veröffentlichten Werk „Ferien zu dritt“ mit John Candy. Ganz großes Kino.

Leider lässt mich der Rektor zu sich ins Büro rufen, noch während ich mich im Applaus meiner Mitschüler bade. Er haut mir unsere Schülerzeitung um die Ohren, für die ich mitverantwortlich zeichne. Er stört sich an einem Artikel über Kommaregeln. So ein langweiliger Mist hätte an seiner Schule nichts zu suchen. (Carsten Scheibe, Foto: Tanja M. Marotzke)

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