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29.10.2018

Südwestkirchhof Stahnsdorf: ein besonderer Spaziergang

Der Südwestkirchhof Stahnsdorf ist als zu begehende Sehenswürdigkeit ein echter Geheimtipp für alle Berliner und Brandenburger. Als ehemaliger Zentralfriedhof von Berlin gilt er als zweitgrößter Friedhof von ganz Deutschland – und ist damit ein Ausflugsziel von internationaler Bedeutung, vergleichbar mit dem berühmten Friedhof Père Lachaise in Paris.

Da der Südwestkirchhof in den DDR-Zeiten von den Berlinern abgeschnitten war, hat sich die Natur in dieser Epoche das weitläufige Areal zurückerobert. Das sorgt dafür, dass der Friedhof nun den Eindruck eines der Wirklichkeit entrückten Märchenwaldes vermittelt – und somit zu langen Spaziergängen einlädt.

Auf den verschlungenen Wegen trifft der Spaziergänger nicht nur auf eine einzigartig erhaltene norwegische Stabkirche im Jugendstil und auf das bemerkenswerte Christusdenkmal des Künstlers Ludwig Manzel, sondern auch auf viele Mausoleen, die zwischen 1938 und 39 aus Berlin aufs Land versetzt wurden, um Hitlers Traum von einer Überstadt Germania Platz zu machen.

Hinzu kommt, dass 85 bemerkenswerte Persönlichkeiten von Heinrich Zille über Werner von Siemens bis hin zu Manfred Krug und Dieter-Thomas Heck vor Ort beerdigt sind.

Wer den Südwestkirchhof Stahnsdorf, der übrigens auf Berliner Boden liegt, nicht auf eigene Faust erkunden möchte, schließt sich den geführten Touren von Friedhofsverwalter Olaf Ihlefeldt an, der sie übrigens auch für Kinder anbietet.

Viele Reisende kennen den Friedhof Père Lachaise in Paris mit seinen zahllosen Mausoleen und Prominentengräbern. Die Toteninsel San Michele von Venedig. Oder den Wiener Zentralfriedhof.
In diese Reihe der sehenswerten Friedhöfe reiht sich auch der Südwestkirchhof Stahnsdorf ein. Er ist ein echtes Kuriosum. So lässt sich der 1909 von der Evangelischen Kirche begründete Friedhof zwar von Stahnsdorf aus betreten. Sobald man allerdings mit beiden Füßen auf den Wegen des Friedhofes steht, begeht man Berliner Boden.

Olaf Ihlefeldt (51) ist der Friedhofsverwalter. Der gelernte Gärtner, der seine Ausbildung in Sanssouci absolviert hat, hat vor 18 Jahren einen Förderverein gegründet, der inzwischen über 400 Mitglieder hat. Gemeinsam werden viele kulturelle Aktionen, Musikabende und Lesungen mitten auf dem Friedhofsgelände durchgeführt. Besonders gern angenommen werden die Führungen des Fördervereins über das weitläufige Gelände. Olaf Ihlefeldt kennt sich auf seinem Friedhof bestens aus; die Worte sprudeln ihm aus dem Mund, keinen Fakt muss er vom Papier ablesen: „Von 1850 bis 1920 hatte sich die Einwohnerzahl Berlins fast verzehnfacht. Die Innenstadtfriedhöfe waren damals hoffnungslos überfüllt. Also kaufte die Berliner Stadtsynode Grundstücke vor den Toren Berlins, um einen ersten Zentralfriedhof zu errichten. Sogar eine eigene Friedhofsbahn gab es ab 1913, um es den Bewohnern aus dem Süd-Westen von Berlin zu erlauben, zu ihren Toten zu fahren. Der Zug wurde im Volksmund auch Witwenexpress genannt.“

Der Südwestkirchhof Stahnsdorf ist in der Tat gewaltig. 206 Hektar Friedhofsfläche schließt er ein – damit ist er der zweitgrößte Friedhof Deutschlands. Er gilt auch als größter Waldfriedhof, als Gartendenkmal und als artenreichster Friedhof Deutschlands, was die Zahl verschiedener Pflanzen und Tiere anbelangt, die hier leben. Auch als Denkmal nationaler Bedeutung kann der Südwestkirchhof punkten. 120.000 Tote wurden seit seiner Gründung vor Ort beerdigt, noch immer finden 700 Bestattungen im Jahr statt.

Olaf Ihlefeldt: „In der Nazizeit plante Albert Speer die Umwandlung von Berlin zur Überstadt Germania. In der Folge wurden in den Jahren 38 und 39 15.000 Gräber aus Berlin nach Stahnsdorf umgebettet. Viele große Mausoleen stehen nun bei uns in der sogenannten Germania-Reihe. 1961 kam es dann zur Teilung Deutschlands und zum Mauerbau. Unser Friedhof wurde damit von Berlin abgeschnitten. Viele West-Berliner konnten ihre Verstorbenen nur noch mit Sondergenehmigung besuchen. In dieser Zeit war der Friedhof zwar nicht geschlossen, aber die Natur hat sich das Areal zurückerobert. Das hat dazu geführt, dass der Südwestfriedhof nun so aussieht wie ein geheimnisvoller Märchenwald, der zu langen Spaziergängen einlädt.“

Dabei können die Besucher u.a. die einzigartige norwegische Holzkirche im Jugendstil besuchen, in der noch immer viele Veranstaltungen stattfinden. Nicht minder sehenswert ist das Christusdenkmal in Form eines viele Meter breiten Reliefs aus weißem Carrara-Marmor, das 1912 von Professor Ludwig Manzel aus dem Stein geformt wurde und das aufgrund seiner emotionalen Darstellung der Kranken und Siechen, die sich von Jesus Heilung und Segen versprechen, eine wirkliche Sehenswürdigkeit ist.

Olaf Ihlefeldt: „Wir sind kein Prominentenfriedhof, bei uns liegen die Ärmsten der Armen und die Reichsten der Reichen. Dennoch sind 85 herausragende Persönlichkeiten bei uns beerdigt. Ein Plan weist die Standorte der Gräber aus, sodass man sie besuchen kann.“

Auf dem Südwestkirchhof ist Georg Graf von Arco beerdigt, der Wegbereiter der Funktechnik. Ebenso Rudolf Breitscheid, Sozialdemokrat und Widerstandkämpfer gegen das NS-Regime. Wilhelm Kuhnert, der das „Brehms Tierleben“ illustriert hat. Gustav Langenscheidt, Begründer des gleichnamigen Sprach- und Wörterbuchverlags. Regisseur Friedrich-Wilhelm Murnau, der den „Nosferatu“ gedreht hat und zum ersten Mal in der Filmgeschichte auf die Idee gekommen ist, die Kamera in einer Szene zu bewegen. Der Großindustrielle Werner von Siemens. Und auch Heinrich Zille, der als sozialkritischer Zeichner und Graphiker das Berliner Leben auf der Straße einfing.

Olaf Ihlefeldt: „Hier auf dem Friedhof ist auch Joachim Gottschalk beerdigt. Der Schauspieler beging 1941 den Fehler, seine jüdische Frau zu einer Premiere mitzunehmen, wo Goebbels sie mit Handkuss begrüßte. Als man Goebbels mitteilte, dass er einer Jüdin die Hand geküsst hat, war er so erbost, dass er dem sehr beliebten Gottschalk sofort befahl, sich von Frau und Sohn freizusagen. Die ganze Familie entging dem KZ, indem sie den Freitod wählte. Dies ist nur eine Geschichte von vielen, die unsere Gräber erzählen.“
Auch Otto Graf Lambsdorff, Vorsitzender der FDP und Bundesminister für Wirtschaft, hat auf dem Friedhof seine letzte Ruhe gefunden. Ebenso wie der Schauspieler Manfred Krug und zuletzt der beliebte Hitparade-Moderator Dieter-Thomas Heck.

Auf dem weitläufigen Gelände des Friedhofs kann man Grabstätten in vielen verschiedenen Stilrichtungen finden und auf diese Weise eine Reise durch die Jahrzehnte antreten.

Olaf Ihlefeldt: „Ein Problem ist für uns, dass für die meisten historischen Grabmäler die Nutzungsrechte abgelaufen sind. Es gibt in der Regel auch keine Verwandten mehr, die sich um eine Pflege dieser Grabstätten kümmern könnten. Um historisch oder kunsthistorisch wertvolle Grabdenkmäler zu erhalten, haben wir deswegen aus unserer Not heraus die Grabpatenschaften angeboten. Die Paten übernehmen die Kosten für die Restaurierung und die Sicherung eines historischen Grabmals. Dafür können sie die Option in Anspruch nehmen, sich oder ihre Angehörigen in dieser historischen und repräsentativen Grabstätte beisetzen zu lassen.“

Früher hatte ein Grab bis zu 99 Jahre Bestand, heute liegen die Toten nur noch für 20 Jahre an Ort und Stelle begraben. Manche Grabstellen kann man „verlängern“, andere nicht.

Olaf Ihlefeldt: „92 Prozent aller Berliner lassen sich inzwischen verbrennen. Hier vor Ort bestatten wir zu 99 Prozent Urnen, eine Sargbestattung ist sehr selten geworden. Da die Urnen nur wenig Platz einnehmen, bekommen wir keine Kapazitätsprobleme. Anonyme Beerdigungen haben wir eine Zeit lang angeboten, aber wieder eingestellt. Wir haben festgestellt, dass es die Trauer der Hinterbliebenen beeinträchtigt, wenn es keine klare Grabstätte gibt, zu der man pilgern kann. Sehr beliebt sind inzwischen die Beerdigungen unter Bäumen. Wichtig ist: Zu uns kommen sehr viele Individualisten, die Sonderwünsche haben, was die Beisetzung anbelangt. Da wir den Platz haben, können wir viele Vorstellungen wahr werden lassen.“

Wer mehr über den Südwestkirchhof Stahnsdorf und seine Besonderheiten erfahren möchte, nimmt an den Führungen des Fördervereins teil, die bis zu drei Stunden dauern können und fünf Euro kosten. Die letzten Führungen in diesem Jahr finden am 3. November und 1. Dezember jeweils um 11 und um 14 Uhr statt. Der Treffpunkt ist am Kirchhofseingang, eine vorhergehene Anmeldung ist notwenig.

Olaf Ihlefeldt: „Am 10. November um 14 Uhr gibt es auch noch einmal eine Führung für Kinder. Sie dauert anderthalb Stunden und führt zu über 200 Jahre alten Gräbern sowie in Mausoleen und in Gruften. Es ist immer wieder erstaunlich, wie die Kinder mit dem Thema Tod umgehen und welches Interesse sie an den Grabsteinen haben – und an den Geschichten, die diese zu erzählen wissen.“ (Text/Fotos: CS)​

Info: Südwestkirchhof Stahnsdorf, Bahnhofstraße 2, 14532 Stahnsdorf, www.suedwestkirchhof.de

Dieser Artikel wurde in „ZEHLENDORF.aktuell“ Ausgabe 55 (10/2018) veröffentlicht.

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