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28.08.2018

Scheibes Kolumne: Die Amerikaner als Trendsetter

Man sagt ja: Das, was in Amerika jetzt in Mode ist, schwappt spätestens in sieben Jahren über den großen Teich und erreicht so auch die Deutschen. Da lohnt es sich doch einmal, den USA einen Besuch abzustatten und nach dem Rechten zu schauen. Um für kommende Trends gewappnet zu sein. Zunächst einmal: So etwas wie die DSGVO gibt es hier nicht auch nur ansatzweise.

In jeder Boutique und in jedem Restaurant wird man nämlich als allererstes gefragt: Ihre Telefonnummer bitte? Ihre Mail-Adresse? Bei einem Friseur musste ich meine kompletten Kontaktdaten in einen Computer eingeben, bevor sich jemand um meine Resthaare gekümmert hat. Die krasseste Folge dieser Datensammelwut: Das Telefon klingelt und wenn man rangeht, liest einem eine Computerstimme Werbebotschaften vor. Solange, bis man auflegt. Die erfasste Mail-Adresse mündet natürlich in Newslettern, die einem zugeschickt werden, und die man nur mit großer Mühe wieder abbestellen kann.

Regelmäßig landen papierne Anzeigenblätter vor unserer Tür im gemieteten US-Haus. Sie werden – eingeschweißt in eine regenabweisende Plastiktüte – einfach in die Garagenauffahrt geworfen. Echte Artikel sind in diesen Blättern leider kaum zu finden, fast alle Flächen sind mit Anzeigen belegt. Diese Anzeigen werben nicht mehr auf klassische Weise für ein Geschäft. Sie bestehen fast zu einhundert Prozent aus Coupons. Sie locken mit irren Rabatten oder konkreten Dollar-Abzügen, wenn man sie in dem Geschäft vorzeigt, das die Werbung gebucht hat. Da bekommt man glatt den Eindruck: Verrückt ist der, der noch den normalen Preis bezahlt.

Rabatte gibt es auch im Supermarkt. Kaufe 3, bezahle 2 heißt hier die Devise, die den Einkaufskorb fülllt. Oder: Kaufe eins, kriege ein zweites Teil für die Hälfte. Schnäppchen satt bekommt der Kunde auch beim Klamottenkaufen. In den Boutiquen gibt es immer die „besondere“ Woche des Monats. 4th-of-July-Week. Back-to-school-Week. Employers-choice-Week. Also gibt es noch mal Extraprozent auf alles, was eh meist schon mit 50 Prozent Rabatt Nachlass angeboten wird. Wer über 200 Dollar bezahlt, kriegt mitunter einen 20-Dollar-Coupon für den nächsten Einkauf geschenkt. Und spart noch mal 20 Prozent, wenn er im speziellen Shopping-Club des Labels Mitglied ist. Am Ende fragt man sich oft, warum nach all der Prozentrechnerei überhaupt noch eine Summe übrigbleibt, die es zu bezahlen gilt. Eigentlich müsste man ja beim Shoppen Geld ausbezahlt bekommen.

Im Restaurant gibt es bei den normalen Getränken kostenlose Refills. Das heißt – das eigene Glas wird immer wieder aufgefüllt, man zahlt aber nur einmal. Mancher deutsche Gastronom, der einen Großteil seines Gewinns mit Getränken macht, würde bleich werden und die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Die Servicekräfte, die oft genug nur für zwei, drei Minuten am Tisch sind, erwarten laut Reiseführer satte 15 Prozent Trinkgeld von der im Restaurant verspachtelten Summe. Vorgeschlagen (und manchmal auch automatisch eingezogen) werden dem Gast auf der Rechnung aber oft 20 bis 30 Prozent. Da wird man schnell arm. Und sieht das Ganze auch nicht immer ein. Etwa dann nicht, wenn auf dem eigenen Tisch Toaster-große Automaten stehen, die die Kreditkarte fressen und das Bezahlen der Rechnung ganz ohne menschliche Hilfe erlauben. Man würde auch gern mehr Trinkgeld bezahlen, wenn man wirklich gemütlich speisen dürfte. Aber gleich nach dem letzten Bissen wird man schon nach dem Nachtisch gefragt. Wer keinen bestellt, hat in der nächsten Sekunde die Rechnung auf dem Tisch. Wer nix isst, kann zahlen und nach Hause gehen! Überhaupt: In den USA wird Bargeld nicht mehr gebraucht. Längst sind selbst die Parkuhren am Strand mit Lesegerät für die Kreditkarte ausgestattet.

Wirklich toll ist die Idee mit den Stop-Schildern. Stoßen zwei kleinere Straßen über Kreuz aufeinander, haben alle vier Seiten ein rotes Stop-Schild. Hier fährt der als erster los, der auch als erster an der Kreuzung angekommen ist. Völlig ohne Stress lösen sich die Verkehrsknäuel ganz schnell auf, weil jeder im Auge behält, wer an der Reihe ist. Das würde in Deutschland zu Gewaltexzessen führen. (Carsten Scheibe, Foto oben: Tanja M. Marotzke)

Dieser Artikel wurde in „ZEHLENDORF.aktuell“ Ausgabe 53 (8/2018) veröffentlicht.

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