Anzeigenzeitung für Zehlendorf, Steglitz & Umland - 03322-5008-0 - info@zehlendorfaktuell.de

24.03.2018

Scheibes Kolumne: Die ganze Welt verblödet

Ich wollte schon immer Wissenschaftler werden. Oder Journalist. Beides impliziert, dass ich gern weiß, wie die Dinge funktio­nieren. Damals als Kind, da war doch jeder noch ein echter Experte. Ich hatte den obligatorischen Freund, der wusste alles über Dinosaurier. Der andere konnte nur am Klang der Motoren erkennen, was für eine Automarke da jenseits des Kinderzimmers über die Straße bretterte.

Der nächste konnte alle derben Scherze aus den MAD-Heften zitieren. Ich ergänzte dieses Trio und war dazu in der Lage, jeden Käfer und jede Spinne beim Namen zu nennen.

Damals war die Chemie mein Ding. Ich hatte ein eigenes Labor im Luftschutzbunker meines Opas – und das Buch „Chemische Experimente, die gelingen“. Die Stadtbibliothek war damals mein Eldorado des Wissens. Denn zu meiner Jugend war das Internet noch nicht erfunden, es gab keine Computer und erst recht keine Smartphones.

Ich weiß noch, in der Stadtbibliothek, da gab es drei, vier Chemie-Bücher, die ich mir immer im Wechsel auslieh, um Fachwörter nachzuschlagen, die ich nicht verstand.

Zu der Zeit gab es im öffentlich-rechtlichen TV immerhin noch das Bildungsfernsehen. In den Nachmittagsstunden wurden staubtrockene Lehreinheiten ausgestrahlt – zu Themen wie Atombindungen, Redox-Potenzialen oder Organischer Chemie. Sendungen, die ich mit Leidenschaft verschlang.

In dieser Vergangenheit stellte ich mir vor, wie das Wissen der Menschheit mit den Jahren nicht nur linear, sondern exponenziell wachsen würde. All diese Kinder-Experten würden einmal erwachsen sein und mit ihren Forschungen dazu beitragen, dass die Dinosaurier tiefschürfender erforscht, bessere Motoren für die Autos gebaut und schlauere Witze in den Zeitungen erzählt werden.

Die Erfindung des Internets war in meiner Vorstellung ein zusätzliches Raketentriebwerk. Dank der globalen Vernetzung der schlauen Köpfe und der permanenten Abrufbereitschaft des gesammelten Wissens würde die Menschheit doch deutlich schneller schlau werden als erwartet. Sicherlich würde es nicht mehr lange dauern, bis die Menschheit den Krebs besiegt, Viren ausrottet, das Unsterblichkeits-Gen findet, zu den Sternen reist und in den subatomaren Raum vordringt.

Die Realität sieht leider ganz anders aus. Ein winziger Teil der Menschheit wird tatsächlich immer schlauer. Aber der große Rest ist vorher falsch abgebogen und in Doofistan gelandet. All die in mühevollen Jahrzehnten gewonnenen Erkenntnisse der Forscher werden plötzlich von wissenschaftlich völlig unbeleckten Bürgern wieder in Frage gestellt.

Wusste die letzte Generation noch den Unterschied zwischen Sonnen und Planeten zu erklären, so glauben inzwischen wieder viele Menschen, dass die Erde eigentlich eine Scheibe ist.

Alles Wissen dieser Welt ist tatsächlich inzwischen im Internet vorhanden – es wird aber leider zugedeckt mit einer sehr dicken Flusen-Schicht aus in die Irre führenden Fake-News, religiösem Fanatismus, sinnlosen Sinnsprüchen, Katzenbildern, buntem Gesellschafts-Klatsch, derben Scherzen und Propaganda-Meldungen rechts und links an der Wirklichkeit vorbei.

Das Problem: Das echte Wissen, es interessiert niemanden mehr. Folgte man früher Neil Armstrong auf den Mond und schaute Watson & Crick bei der Entschlüsselung der DNA-Doppelhelix zu, so starrt die Welt heute gebannt auf minderjährige Influencer, die auf YouTube Schminktipps zum Besten geben. Die Heisenbergsche Unschärferelation ist jedenfalls keine herabwürdigende Einschätzung der Schönheit junger Model-Mädchen.

Der Mensch unterscheidet sich von der Amöbe aufgrund seines Gehirns. Wer seine Neuronen reanimieren möchte, sollte Fernsehen und Internet ausschalten und den universellen Tipp aller Superreichen befolgen: Lies jeden Tag ein neues Buch. Und zwar keine Romane, sondern Sachbücher, Fachbücher und Biografien. Dann kann man richtig spüren, wie die eigenen Neuronen wieder zum Leben erwachen. Wenn es nicht schon zu spät ist. (Carsten Scheibe, Foto oben: Tanja M. Marotzke)

Seitenaufrufe: 11

Zum Thema passende Artikel

22.06.2018

Scheibes Kolumne: Leider blind wie ein Maulwurf!

Ich lese gerade die Schlagzeile „Dunkle Schokolade verbessert die Sehstärke“. Das erinnert mich an die Tatsache, dass bei mir das Sehen der deutliche Indikator für einen rasch voranschreitenden körperlichen Verfall ist. Das begann bereits in der Schule, genauer gesagt auf dem Gymnasium. mehr…

22.06.2018

Nachgefragt #20: Susanne Riedel

Susanne Riedel (www.regenrausch.de) ist in Lichterfelde aufgewachsen. Ihre Kindheitserinnerungen schmecken nach Brausepulver, Hennig-Eis und Krasselts Ketchup. Sie ist Lesebühnen-Autorin und lebt – nach einem kurzen Abstecher an die Nordsee – auch heute in Steglitz. Nach ihrem Debut beim Steglitz Slam im Juni 2015 liest sie inzwischen beim Team des „Frühschoppen“ an der Seite von Horst Evers. mehr…

24.04.2018

Nachgefragt #19: Frank Mückisch

Frank Mückisch (61) ist in Steglitz-Zehlendorf Bezirksstadtrat für die Abteilung Bildung, Kultur, Sport und Soziales. Bevor Frank Mückisch Stadtrat wurde, hat er in einem Steuerbüro gearbeitet, war bei der Deutschen Rentenversicherung Bund tätig und hat an der Hochschule des Bundes am Fachbereich Sozialversicherung gelehrt. mehr…

24.03.2018

Scheibes Kolumne: Die ganze Welt verblödet

Ich wollte schon immer Wissenschaftler werden. Oder Journalist. Beides impliziert, dass ich gern weiß, wie die Dinge funktio­nieren. Damals als Kind, da war doch jeder noch ein echter Experte. Ich hatte den obligatorischen Freund, der wusste alles über Dinosaurier. Der andere konnte nur am Klang der Motoren erkennen, was für eine Automarke da jenseits des Kinderzimmers über die Straße bretterte. mehr…

24.03.2018

Nachgefragt #18: Carolina Böhm, Stadträtin

Carolina Böhm ist Stadträtin für Jugend, Gesundheit und Integration in Zehlendorf-Steglitz. Über sich selbst erzählt sie: „Im Jahr 1985 bin ich aus Düsseldorf nach Berlin gezogen, um hier Politikwissenschaften zu studieren. Das Studium habe ich mit dem dazugehörigen Diplom abgeschlossen und betrachte mich, seit ich hier den größten Teil meiner Lebenszeit verbringe, als Berlinerin. mehr…

24.02.2018

Scheibes Kolumne: In Morpheus Armen

Ich habe eine Superkraft. Ich kann nicht fliegen, kann kein Geld herbeizaubern und kann auch nicht mit der Faust durch Betonmauern hauen. Dafür kann ich aber eins ganz besonders gut – schlafen. Ich schaffe es, in jeder Situation und an jedem Ort einzuschlafen. mehr…

24.02.2018

Nachgefragt #17: Dr. Mechtild Nienhaus-Wasem

Dr. phil. Mechtild Nienhaus-Wasem (71) hat eine aufregende Zeit hinter sich. Zusammen mit ihrem Mann, der für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) tätig war, hat sie 18 Jahre in Nicaragua, Ecuador, Costa Rica und Guatemala gelebt. mehr…

29.01.2018

Scheibes Kolumne: Alles eine Frage der Hygiene!

Es war auf dem Weg zu einem Golfplatz, als ein Freund von mir noch auf dem Parkplatz zu einem geheimnisvollen Fläschchen griff und sich den Inhalt großzügig über beide Hände kippte. Es roch auf einmal streng im engen Auto – wie nach Desinfektionsmittel. Und genau das war es auch, ein Desinfektionsmittel für die Hände. mehr…

29.01.2018

Nachgefragt #16: Cerstin Richter-Kotowski

Cerstin Richter-Kotowski (geb. 14. April 62) ist in Zehlendorf aufgewachsen und hat ihr Abitur 1981 an der Droste-Hülshoff-Schule absolviert, um anschließend an der FU Berlin Jura zu studieren. Die Volljuristin (verheiratet, ein Sohn) ist seit 1991 im öffentlichen Dienst des Landes Berlin beschäftigt. mehr…

19.12.2017

Scheibes Kolumne: Weihnachten kann kommen!

Bereits im November bricht in der Familie die nackte Panik aus: Weihnachten kommt. Dabei war doch eben erst noch Ostern! Und schon schlagen Printen und Spekulatius im Supermarkt auf, tönt „Last Christmas“ aus dem Radio und schickt Coca-Cola mit lautem „Ho Ho Ho“ wieder den Weihnachtsmann auf PR-Tour. mehr…

19.12.2017

Nachgefragt #15: Ann-Kristin Ebeling

Meine Mitarbeit am Magazin ZEHLENDORF.aktuell begann im März 2015. Ich lerne die Menschen und den Bezirk Steglitz-Zehlendorf von Monat zu Monat intensiver kennen. Ich liebe die Vielfältigkeit und die Historie und finde immer wieder neue Ecken, wo es sich lohnt, einen Abstecher hin zu machen. mehr…

16.12.2017

Scheibes Kolumne: Viel Spaß beim Live-Konzert

Musik ist toll. Musik ist einzigartig. Musik verbindet die Menschen. Und so tut man sich auch mit 50 Jahren noch den Stress an, auf ein Live-Konzert zu gehen. Gerade Berlin bietet sich dafür doch wunderbar an. Es gibt kleine, intime Clubs und gigantische Bühnen wie das Olympia-Stadion oder die Mercedes-Benz-Arena. mehr…

16.12.2017

Nachgefragt #14: Jan Puhlmann

Jan Puhlmann (Jahrgang 67), eigentlich eine Kieler Sprotte, möchte sich als ein aufgewachsener Zehlendorfer verstanden wissen, da er hier Laufen und Sprechen gelernt hat. Er besuchte die Mühlenau-Grundschule und machte 1985 sein Abitur am Werner-von-Siemens-Gymnasium in Nikolassee. mehr…

27.10.2017

Scheibes Kolumne: Nass oder trocken rasieren?

Seit die Hormone sprießen, tun dies auch die Haare. Leider nicht auf dem Kopf. Von hier aus fallen die Haare zunehmend auf den Rücken herunter und hinterlassen eine kahle Stelle, in der sich die Sonne spiegelt. Dafür wachsen die Haare aber im Gesicht. mehr…

27.10.2017

Nachgefragt #13: Katrin Kaiser

Katrin Kaiser (55): Ich bin in Berlin geboren und lebe seit fast 45 Jahren in Nikolassee. Ich kenne noch die Buslinie 18, die uns ohne Umwege nach Zehlendorf brachte. Seit mehreren Jahre habe ich eine Nachhilfeschule in Zehlendorf – „Des Kaisers neue Schule“. Viele Schüler haben mit unserer Hilfe ihre Wunschnote bekommen. mehr…

27.10.2017

Scheibes Kolumne: Team Hund oder Team Katze?

Liebe Freunde, es ist an der Zeit, dass wir über ein Thema sprechen, das uns bestimmt alle umtreibt – Katzen! Längst sind diese Miau-krächzenden Vierbeiner in den meisten Wohnungen der Menschen angekommen. Und haben sich hier eingenistet wie Zecken an einem Hund. mehr…

27.10.2017

Nachgefragt #12: Carsten Scheibe

Carsten Scheibe (Jahrgang 67) ist in Zehlendorf geboren. Er ist in der Onkel-Tom-Straße am U-Bahnhof „Onkel Toms Hütte“ aufgewachsen, hat also als Kind in der Krumme Lanke gebadet und im Riemeisterfenn Holzflöße gebaut. Er hat die Riemeister Grundschule besucht und sein Abitur auf dem Werner-von-Siemens-Gymnasium in Nikolassee gebaut. mehr…

26.08.2017

Scheibes Kolumne: Mit einem Fluch auf den Lippen

Ich bin ein sehr ausgeglichener Mensch. Ich lächle, wenn mich jemand beleidigt. Ich muss meinen Willen nicht mit der Brechstange durchdrücken. Ich habe eigentlich immer gute Laune. Aber wehe, wenn ich Auto fahre. Das PS-Gefährt ist ja im physikalischen Sinne ein Faraday‘scher Käfig, der bei einem Gewitter zuckende Blitze abhält und so dafür sorgt, dass ich als Fahrer nicht mit fünf Millionen Volt gegrillt werde. mehr…

26.08.2017

Nachgefragt #11 – Michael H. Schulze

Seit über 10 Jahren arbeitet Michael H. Schulze (29) in der Werbe- und Kreativbranche. Er gründete nach seinem Masterstudium im Fachbereich „Marketingkommunikation“ 2014 die Qualedia Werbeagentur (www.qualedia-agentur.de). Seitdem arbeitet er als Marketingberater in Zehlendorf-Mitte – und ist dabei spezialisiert auf den Markenaufbau und das Empfehlunsgmarketing. mehr…

Unsere Schwestern­zeitung