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24.02.2018

Scheibes Kolumne: In Morpheus Armen

Ich habe eine Superkraft. Ich kann nicht fliegen, kann kein Geld herbeizaubern und kann auch nicht mit der Faust durch Betonmauern hauen. Dafür kann ich aber eins ganz besonders gut – schlafen. Ich schaffe es, in jeder Situation und an jedem Ort einzuschlafen.

Dabei habe ich schon mitten in der New Yorker U-Bahn auf dem Weg durch Harlem ein Schläfchen abgehalten. Und mit einem Freund habe ich gewettet, dass ich auf einem Stuhl an einem Pool in Florida sitzend auf Kommando einnicken kann: Wette gewonnen.

Lange Jahre ist es her, da musste ich in Berlin jeden Morgen mit der U-Bahn ein halbes Dutzend Stationen bis zur Universität fahren. Während meine Waggonnachbarn in der Zeitung blätterten, legte ich mich noch einmal für ein paar Minuten in Morpheus Arme – und schlug dank innerem Wecker genau an der Zielstation die Augen wieder auf.

Ich schlafe zwar gut, aber leider viel zu wenig. Oft arbeite ich noch bis spät in die Nacht am Rechner. Wenn ich dann erschöpft ins Bett krieche, schalte ich das Licht aus, drehe mich um, greife nach dem Kindle, um noch ein paar Seiten zu lesen – und bin meist schon mitten in der Bewegung eingeschlummert.

Viele meiner Freunde haben Probleme mit dem seligen Schlummern zur rechten Zeit. Vor allem die Frauen klagen über offene Augen zu nächtlichen Zeiten. Oft grübeln sie stundenlang beim Einschlafen, werden nachts mit einem drängenden Problem wieder wach und können nicht wieder zurück in den Schlaf finden. Sie probieren es dann mit Baldrian, exzessiven Lesearien morgens um vier, mit Hypnose oder mit speziellen Tees. Meist hilft das alles nicht und ich höre in Gesprächen: „Die Sorgen des Alltags sind nachts alle plötzlich wieder da. Und dann spüre ich förmlich, wie der Motor der Gedanken angeworfen wird und ich über alles noch einmal nachgrübeln muss. Dann bin ich sofort wieder hellwach“

Oft fragen mich die Leute, warum ich so gut schlafen kann. Ich habe lange darüber nachgedacht. Meine Antwort: Mein Bett ist mein heiliges Refugium. Es ist so, als würde im Türrahmen zum Schlafzimmer eine unsichtbare Membran aufgespannt sein. Wenn ich durch sie hindurchschlüpfe, bleiben alle Sorgen und Probleme bis zum Morgen daran kleben – und ich weile bis dahin in einem sicheren Kokon, in dem ich mich in aller Ruhe regenerieren kann.

Einem Freund habe ich bei seinen Schlafproblemen helfen können – mit Golf. Er konnte den Druck seiner Arbeit auch im privaten Umfeld nicht mehr ausblenden und stand kurz vor einem Burn-Out. Man konnte regelrecht zusehen, wie die Probleme der Arbeit mehr und mehr wurden und sich gegenseitig zunehmend potenzierten. Bei einer Runde Golf war das auf einmal alles weg. Kein Wunder: Hier muss man sich zu hundert Prozent auf den Ball konzentrieren, ansonsten landet er im nächsten Wasserhindernis. Was ziemlich peinlich ist und deswegen verhindert werden sollte. Im Kopf einmal „loslassen“ können, das ist das Geheimnis. Mein Kumpel spielt nun vor harten Tagen gleich früh morgens neun Loch Golf – und geht dann mit klarem Kopf und mit schönen Erlebnissen auf die Arbeit.

Burn-Out-Kandidaten frage ich seitdem immer gern: Hast du einen Sport, hast du ein Hobby? Meist höre ich dann: „Nein, dafür habe ich keine Zeit.“ Das ist gefährlich. Oft kommt daher eine innere Unruhe. Die sich mit einem regelmäßigen Sport dimmen lässt. Bei mir ist es das Bogenschiessen. Auch hier muss man Alltagsprobleme im Kopf fallen lassen, ansonsten verfehlt man das Ziel.

Viele sehen Schlaf als Zeitverschwendung an, als gestohlene Lebenszeit. Aber man muss ihn als Geschenk betrachten. Nichts ist schöner als ein Power-Napping am Schreibtisch, wenn das Büro am späten Nachmittag leer ist und das Telefon gerade einmal das Klingeln einstellt. Die Füße auf den Tisch, den Schreibtischstuhl nach hinten gekippt und die Augen zu: Zehn Minuten reichen, um die Batterien wieder aufzuladen.

Abends, nach dem Essen, erwischt es mich auch meist auf dem Sofa: Fress-Koma. Während der Bachelor läuft oder beim Pilcher der Herzschmerz aus dem Fernseher tropft, klopfe ich schon wieder an Morpheus Türen und bin für ein Stündchen der Wirklichkeit entrückt.

Schlimm ist nur eins – das morgendliche Aufstehen. Ich schaffe es immer wieder, den Wecker per Snooze-Funktion um zehn Minuten weiterzustellen – und noch einmal einzuschlafen. Und noch einmal. Und noch einmal. Die Decke ist noch warm, der Alltag wartet mit viel zu vielen Aufgaben. Da wäre es doch schön, einfach liegenzubleiben und die Sache umzukehren: 18 Stunden Schlafen und nur 6 Stunden am Tag wachsein. Damit könnte ich mich anfreunden. (Carsten Scheibe, Foto oben: Tanja M. Marotzke)

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