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19.12.2017

Scheibes Kolumne: Weihnachten kann kommen!

Bereits im November bricht in der Familie die nackte Panik aus: Weihnachten kommt. Dabei war doch eben erst noch Ostern! Und schon schlagen Printen und Spekulatius im Supermarkt auf, tönt „Last Christmas“ aus dem Radio und schickt Coca-Cola mit lautem „Ho Ho Ho“ wieder den Weihnachtsmann auf PR-Tour.

Das ist die Zeit, in der ich in das Kabuff krauchen muss. Wir haben unter der Kellertreppe tatsächlich so einen Harry-Potter-Verschlag, dessen Decke sich parallel zur Treppe neigt, bis sie den Boden berührt. Hier stehen inmitten von Spinnweben und Staubflocken all die Kisten mit Dekomaterial, die das Jahr über benötigt werden. Da Intelligenz beim Einordnen der Kisten Mangelware ist, stehen natürlich die Halloween-Kisten ganz vorn, gefolgt von den gesammelten Ostereiern. Die Weihnachtskisten stehen ganz hinten im Eck. Unerreichbar. Ich hasse das nun folgende Umstapeln der Kisten. Das führt jedes Jahr dazu, dass ich versuche, mich lang zu machen, um die Weihnachtskisten über die Osterkisten zu heben. Meistens geht dann eine der Kisten auf und die ganzen Lichterketten springen heraus und wickeln sich wie Tentakelarme um die künstlichen Osterhasen und Halloween-Totenschädel.

Die Lichterketten müssen natürlich auch aufgehängt werden. Meine Aufgabe ist es, sie mit Tesafilm in die Fensterrahmen zu kleben, auf dass das Haus von außen aussieht wie die Landebahn vom New Yorker Flughafen. Klar ist, dass der lokale Stromversorger in diesen Weihnachtstagen mehr Geld an mir verdient als mit der Beleuchtung des Kudamms oder des Potsdamer Platzes. Die Stromzählernadel dreht sich jedenfalls so schnell, dass ich Angst habe, dass sie wie eine Drohne abhebt und durch das Haus schwebt. Natürlich mache ich wie jedes Jahr alles falsch. Ich klebe die bunten Weihnachtsketten ins Fenster, es sollen aber die weißen sein. Also ziehe ich die Ketten wieder ab und beginne noch einmal von vorn. Die neuen Ketten sind viel zu lang. Also verstecke ich die restlichen Meter hinter den Kräutertöpfen in der Küche. Das Basilikum leuchtet jetzt im Dunkeln.

Nachts liege ich im Bett und höre es rumsen. Einbrecher? Der Hund? Nein, es sind die Lichterketten, die sich spontan aus ihrer Tesafilm-Verankerung lösen und krachend zu Boden fallen. Muss ich das leuchtende Glühwürmchen-Gestrüpp ein weiteres Mal ans Fenster nageln? Tacker? Panzertape? Ich bin verzweifelt.

Derweil steht der nächste Weihnachtskracher an. Ein Baum muss her. Bitte, bitte – lass uns den nicht wieder selbst aus dem Wald holen. Wer jemals halb unter einen Tannenbaum krauchen musste, um dann im schiefen Winkel den Fuchsschwanz anzusetzen, der kennt das Elend. Die Muskeln brennen, die Säge geht einfach nicht tiefer – und die ganze Zeit über fallen einem harzende Tannennadeln und kältebetäubte Zecken in den Nacken.

Dann also doch lieber zum Tannenbaumhändler des eigenen Vertrauens. Hier sucht sich die Familie zielsicher den einen Baum aus, der fünf Zentimeter höher ist als unsere Zimmerdecke. Also krümmt sich die Baumspitze und malt einen grünen Streifen an die Decke. Ich zähle – es ist bereits der zehnte.

Zum Glück sind die Kinder schon volljährig. Was war das Drama vor Jahren groß, als die Kinder am Fenster hockten, um auf den Weihnachtsmann zu warten. Der kam auch prompt aus dem Nachbarhaus, zündete sich eine Kippe an, warf den Geschenkesack in den Kofferraum seines Autos, stieg ein und fuhr weg. Ohne Geschenke dazulassen. (Carsten Scheibe, Foto oben: Tanja M. Marotzke)

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