Anzeigenzeitung für Zehlendorf, Steglitz & Umland - 03322-5008-0 - info@zehlendorfaktuell.de

16.12.2017

Scheibes Kolumne: Viel Spaß beim Live-Konzert

Musik ist toll. Musik ist einzigartig. Musik verbindet die Menschen. Und so tut man sich auch mit 50 Jahren noch den Stress an, auf ein Live-Konzert zu gehen. Gerade Berlin bietet sich dafür doch wunderbar an. Es gibt kleine, intime Clubs und gigantische Bühnen wie das Olympia-Stadion oder die Mercedes-Benz-Arena.

Da spielen dann die akustischen Helden der eigenen Jugend auf ihrer Abschiedstour noch einmal auf. Oder man hört sich das an, was aus den aktuellen Charts gerade zu gefallen weiß.

Klar ist nur eins – früher war die Leidensfähigkeit deutlich höher. Und so stehe ich heute mit knarrenden Bandscheiben und schmerzenden Knien in einer endlosen Schlange aus gleichfalls musikbegeisterten Fans, um bereits Stunden vor dem eigentlichen Event Einlass in die Halle zu begehren.

Hier spart man sich die Garderobe, um später am Ende der Show sofort den Konzertsaal verlassen zu können. Und so schwitzt man schon bald in der dicken Jacke im eigenen Muff. Denn natürlich landet man dicht vor der Bühne, um auch kurzsichtig wie ein Maulwurf noch etwas von den Musikern erspähen zu können. Und hat so viele Menschen ganz eng um sich herum, dass keine Sauna mehr Hitze erzeugen könnte.

Während aus dem Off irgendeine 08/15-Mucke dröhnt und auf der Bühne schwarzgekleidete Techniker mit Panzertape letzte Kabel auf dem Boden fixieren, geht der Verdichtungswettbewerb los. Immer mehr Leute drängeln sich mit dem Ellenbogen voran durch die dicht stehende Masse, um irgendwo weiter vorn noch eine Stelle zu finden, wo sie das Konzert über bleiben können. Dabei schleppen diese Verfechter der Brownschen Molekularbewegung meist mehr randvoll gefüllte Bierbecher zwischen vier Fingern mit sich durch die Menge, als für die bislang flüssigkeitsunversehrte Nachbarschaft gut ist.

Irgendwo zündet mit Sicherheit jemand mitten im Saal einen Joint an, sodass die grünlichen Schwaden schon bald wie Nebel durch die Massen schweben. Manche mögen den Geruch, mir wird davon übel. Aber schnell ist für olfaktorische Abwechslung gesorgt. Mein bulliger Nebenmann mit den vielen grimmigen Tattoos am Hals hat gerade einen Döner gegessen – mit viel Zwiebeln und Knoblauch-Soße. Ich weiß es genau, denn er atmet mir direkt ins Gesicht. Bei meinem Vormann ist der Döner schon ein paar Stunden her. Er atmet zum Glück in die andere Richtung. Aber er hat böse Flatulenzen. Oh Dreiklang der Gerüche.

Das Stehen strengt an, der Rücken krampft. Aber zum Glück ist nun die Vorband an der Reihe. In all den Jahren, in denen ich auf Konzerte gehe, habe ich nur einmal eine Vorband gesehen, die gut war. Der Rest, der sich da auf die Bühne wagt, ist die musikalische Weiterentwicklung von „Ich probiere‘s mal“. Die Akustik ist schlecht, die Performance mies, die Songs sind öde und überhaupt interessiert sich im Publikum niemand für die Leute auf der Bühne. Fast hat es den Anschein, als wird die Vorband nur gecastet, um die Hauptband anschließend besser aussehen zu lassen. Jedes Mal frage ich mich im Konzert, warum ich nicht erst zum Haupt-Act komme. Die Antwort ist klar: Weil ich sonst ganz hinten stehen müsste und nicht kurz vor der Bühne. Im Spiel „Wie viel Sardinen passen in die Büchse?“ hat eben der schlechte Karten, der als letzter zur Party erscheint.

Der größte Horror: Die Vorband hat endlich ein Einsehen und gibt auf. Und anstatt dass nun die eigentliche Band sofort mit dem Spielen anfängt, kommt es zur – Pause! Es muss schon wieder umgebaut werden. Und nach dem Umbau müssen die Soundleute noch einmal jedes einzelne Instrument in die Hand nehmen und ausprobieren. Kann man das nicht vorher machen? Warum gibt‘s da keinen nahtlosen Übergang? Warum denkt man sich nicht etwas aus, um die Massen in der Zeit zu unterhalten? Und wenn‘s ein Ratespiel ist: Wie viele Leute im Raum haben hellgrüne Unterhosen an? Und wer gar keine? So empfinde ich das halb- bis ganzstündige Warten als Diebstahl meiner Lebenszeit. Für den ich auch noch teuer bezahle.

Aber wenn dann natürlich Madness, AC/DC, Ultravox, Sophia, Neil Young, Fisher-Z, Silbermond, Sido oder Morcheeba auf die Bühne stürmen, ist alles vergessen. Auf einmal dröhnt der Bass, stimmt die Akustik, peitschen die Laserstrahlen durch das Dunkel, rotieren die Scheinwerfer, legen sich die singenden Stars voll ins Zeug.

Und genau in dieser Sekunde, wenn alles stimmt und einen das Live-Konzert für stinkende Nachbarn und schmerzende Knochen entschädigt, holen all die kleinen Mädels, hinter die man sich mit Absicht gestellt hat, um besser sehen zu können, ihre Handys heraus, öffnen die Foto-App, schalten die Videoaufnahme ein und recken anschließend die Faust in den Himmel, um das gesamte Konzert aufzunehmen. Auf einmal sehe ich nicht mehr die Bühne, obwohl mich nur acht Reihen von ihr trennen, dafür aber Dutzende kleiner Mini-Bildschirme. Letztens bei Angus und Julia Stone habe ich feststellen dürfen, dass ein iPhone 7S so ein scharfes Bild hat, dass es sich tatsächlich lohnt, das Konzert im Display des Gerätes vor mir weiter zu verfolgen.

Hab ich etwas vergessen? Na klar, Pogo-Tänzer bei Madness oder Die Antwoord, die einen ohne Vorwarnung von der Seite anspringen, sodass die Brille durch den Saal fliegt. Aber – die ersten Konzertkarten für 2018 sind schon wieder gekauft. (Carsten Scheibe, Foto oben: Tanja M. Marotzke)

Seitenaufrufe: 2

Zum Thema passende Artikel

19.12.2017

Scheibes Kolumne: Weihnachten kann kommen!

Bereits im November bricht in der Familie die nackte Panik aus: Weihnachten kommt. Dabei war doch eben erst noch Ostern! Und schon schlagen Printen und Spekulatius im Supermarkt auf, tönt „Last Christmas“ aus dem Radio und schickt Coca-Cola mit lautem „Ho Ho Ho“ wieder den Weihnachtsmann auf PR-Tour. mehr…

19.12.2017

Nachgefragt #15: Ann-Kristin Ebeling

Meine Mitarbeit am Magazin ZEHLENDORF.aktuell begann im März 2015. Ich lerne die Menschen und den Bezirk Steglitz-Zehlendorf von Monat zu Monat intensiver kennen. Ich liebe die Vielfältigkeit und die Historie und finde immer wieder neue Ecken, wo es sich lohnt, einen Abstecher hin zu machen. mehr…

16.12.2017

Nachgefragt #14: Jan Puhlmann

Jan Puhlmann (Jahrgang 67), eigentlich eine Kieler Sprotte, möchte sich als ein aufgewachsener Zehlendorfer verstanden wissen, da er hier Laufen und Sprechen gelernt hat. Er besuchte die Mühlenau-Grundschule und machte 1985 sein Abitur am Werner-von-Siemens-Gymnasium in Nikolassee. mehr…

27.10.2017

Scheibes Kolumne: Nass oder trocken rasieren?

Seit die Hormone sprießen, tun dies auch die Haare. Leider nicht auf dem Kopf. Von hier aus fallen die Haare zunehmend auf den Rücken herunter und hinterlassen eine kahle Stelle, in der sich die Sonne spiegelt. Dafür wachsen die Haare aber im Gesicht. mehr…

27.10.2017

Nachgefragt #13: Katrin Kaiser

Katrin Kaiser (55): Ich bin in Berlin geboren und lebe seit fast 45 Jahren in Nikolassee. Ich kenne noch die Buslinie 18, die uns ohne Umwege nach Zehlendorf brachte. Seit mehreren Jahre habe ich eine Nachhilfeschule in Zehlendorf – „Des Kaisers neue Schule“. Viele Schüler haben mit unserer Hilfe ihre Wunschnote bekommen. mehr…

27.10.2017

Scheibes Kolumne: Team Hund oder Team Katze?

Liebe Freunde, es ist an der Zeit, dass wir über ein Thema sprechen, das uns bestimmt alle umtreibt – Katzen! Längst sind diese Miau-krächzenden Vierbeiner in den meisten Wohnungen der Menschen angekommen. Und haben sich hier eingenistet wie Zecken an einem Hund. mehr…

27.10.2017

Nachgefragt #12: Carsten Scheibe

Carsten Scheibe (Jahrgang 67) ist in Zehlendorf geboren. Er ist in der Onkel-Tom-Straße am U-Bahnhof „Onkel Toms Hütte“ aufgewachsen, hat also als Kind in der Krumme Lanke gebadet und im Riemeisterfenn Holzflöße gebaut. Er hat die Riemeister Grundschule besucht und sein Abitur auf dem Werner-von-Siemens-Gymnasium in Nikolassee gebaut. mehr…

26.08.2017

Scheibes Kolumne: Mit einem Fluch auf den Lippen

Ich bin ein sehr ausgeglichener Mensch. Ich lächle, wenn mich jemand beleidigt. Ich muss meinen Willen nicht mit der Brechstange durchdrücken. Ich habe eigentlich immer gute Laune. Aber wehe, wenn ich Auto fahre. Das PS-Gefährt ist ja im physikalischen Sinne ein Faraday‘scher Käfig, der bei einem Gewitter zuckende Blitze abhält und so dafür sorgt, dass ich als Fahrer nicht mit fünf Millionen Volt gegrillt werde. mehr…

26.08.2017

Nachgefragt #11 – Michael H. Schulze

Seit über 10 Jahren arbeitet Michael H. Schulze (29) in der Werbe- und Kreativbranche. Er gründete nach seinem Masterstudium im Fachbereich „Marketingkommunikation“ 2014 die Qualedia Werbeagentur (www.qualedia-agentur.de). Seitdem arbeitet er als Marketingberater in Zehlendorf-Mitte – und ist dabei spezialisiert auf den Markenaufbau und das Empfehlunsgmarketing. mehr…

13.07.2017

Scheibes Kolumne: Angriff der Killerschnecken

Ich habe leider keinen Grünen Daumen. Pflanzen tendieren in meiner Nähe zum selbstgewählten Freitod, ganz egal, wie viel Licht, Wasser und Dünger zur Verfügung steht. Ich nehme das längst nicht mehr persönlich. Es ist sicherlich die vegane Rache für meinen Spruch im Biologiestudium, dass Botanik die Lehre vom Tierfutter ist. mehr…

13.07.2017

Nachgefragt #10: Anke Otto

Anke Otto (68) ist Bezirksstadträtin a.D. und Vorsitzende des Vereins Freunde der Domäne Dahlem e.V. Sie sagt über sich: Seit über 30 Jahren wohne ich in Zehlendorf. Als ich zum Studium nach Berlin kam, reizten mich erst einmal das aktive Leben in der Innenstadt und die vielen Angebote an Kultur und politischen Aktivitäten. mehr…

03.07.2017

Scheibes Kolumne: Schock an der Supermarktkasse

Letztens stand ich an der Kasse meines bevorzugten Supermarktes an und wuchtete die Einkäufe auf das Band. Dabei wanderte mein Blick über die Auslagen an der Kasse, vornehmlich über das bunte Kaugummiangebot. Und dann erschrak ich. Heftig. mehr…

02.07.2017

Nachgefragt #9: Andrea Vee

Andrea „Vee“ (ein liebevolles Überbleibsel / Spitzname aus ihrer Zeit in Schottland), gelernte Fremdsprachenkorrespondentin, ist eigentlich ein Wilmersdorfer „KuDamm-Kind“, entschloss sich aber nach der Geburt ihrer Tochter Ende der 80er Jahre nach Zehlendorf zu ziehen, um ihr Kind in diesem schönen Bezirk aufwachsen zu sehen. mehr…

30.05.2017

Scheibes Kolumne: Es kribbelt in der Nase …

Fröhlich tanze ich durch den Winter. Bei Schneegriesel, Minustemperaturen und frostigem Wind wird allenfalls die Nase rot. Grippale Infekte meiden mich aber wie die Pest: Die Atemwege bleiben frei. Ganz anders sieht der Fall aus, wenn die Temperaturen steigen und die Natur wieder erwacht. mehr…

30.05.2017

Nachgefragt #8: Birgit Jordan

Birgit Jordan ist geborene Berlinerin, na ja, Spandauerin. Aber gleich nach Abschluss ihres Studiums an der FU (Publizistik und BWL) zog es sie in den Süden Berlins. Über Steglitz und Schmargendorf kam sie ins beschauliche Zehlendorf, an den Schlachtensee, der Hunde wegen. mehr…

23.04.2017

Scheibes Kolumne: 50 Jahre im Sauseschritt

Alles im Leben hat seine Zeit. Der Autor dieser Kolumne ist gerade 50 Jahre alt geworden, die Hälfte des Lebens ist also vorbei. Mitleidig fragen Freunde: Und, war‘s schlimm? Nein, es hat gar nicht wehgetan. Es ist nur ein weiterer Schritt auf der Leiter der Erkenntnis, dass man nur einmal lebt. Wenn man das aber richtig macht, dann reicht das ja auch. mehr…

22.04.2017

Nachgefragt #7: Vince Wagenknecht

Vince Wagenknecht (Foto links) und Markus Scheer haben Ende letzten Jahres ein ganz ungewöhnliches Restaurant am Teltower Damm (neben dem Bali Kino) eröffnet – das Sixteen Bites. Hier gibt es leckere Burritos mit vielen hausgemachten, frischen Zutaten. Vince Wagenknecht wohnt in Steglitz, arbeitet in Zehlendorf – und kennt sich in der Region bestens aus. mehr…

26.03.2017

Scheibes Kolumne: Heute schon geschwurbelt?

Letztens nahm mich ein ganz patent wirkender Mann beiseite und fragte mich ganz freundlich, ob mir das denn keine Sorge bereiten würde, dass wir immer noch keinen offiziellen Friedensvertrag im Lande hätten. Die Bundesrepublik Deutschland gäbe es ja eigentlich gar nicht … mehr…

26.03.2017

Nachgefragt #6: Dr. Markus Hansen

Ich bin Physiker, arbeite seit über 30 Jahren als Orthopäde und habe vor gut 12 Jahren meine orthopädische Massen-Kassenpraxis gegen eine kleine Privatpraxis eingetauscht. Es geht dabei nicht darum, nur noch Privatpatienten zu behandeln; in den letzten Jahren sind genauso viele gesetzlich Versicherte wie privat versicherte Patienten zu mir gekommen. mehr…

25.03.2017

Scheibes Kolumne: Ich habe Futterneid!

Schlechte Charaktereigenschaften gibt es zur Genüge. Der eine flucht im Auto, der andere drängelt sich in jeder Schlange vor. Manche trinken gern einen über den Durst und werden dann aggressiv. Oder sie reden zu laut, kommen einem zu nahe, sind Angeber oder popeln in der Öffentlichkeit. mehr…

25.03.2017

Nachgefragt #5: Katja Desens

Katja Desens wurde in Wuppertal geboren, hat da aber nie gelebt. Ihr Abi hat sie im Sauerland gemacht, ihr Studium der Geisteswissenschaften in Aachen (Germanistik und Anglistik) abgeschlossen. Ihr Radiovolontariat hat sie im belgischen Eupen absolviert. Von da ging es dann gleich zu 104.6 RTL nach Berlin – als Morgenmoderatorin und Redakteurin. mehr…

25.03.2017

Nachgefragt #4: Elke Brumm

Elke Brumm (auf dem Foto links) zog 1971 im Alter von vier Wochen nach Zehlendorf-Mitte. Ihren gesamten Bildungsweg von der Vorschule bis zum Magisterabschluss absolvierte sie – damals noch als Elke Moews – im Grünen Bezirk: an der Nord-Grundschule, am Schadow-Gymnasium und an der Freien Universität, wo sie Theaterwissenschaft und Neuere deutsche Literatur studierte. mehr…

Unsere Schwestern­zeitung