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26.08.2017

Scheibes Kolumne: Mit einem Fluch auf den Lippen

Ich bin ein sehr ausgeglichener Mensch. Ich lächle, wenn mich jemand beleidigt. Ich muss meinen Willen nicht mit der Brechstange durchdrücken. Ich habe eigentlich immer gute Laune. Aber wehe, wenn ich Auto fahre. Das PS-Gefährt ist ja im physikalischen Sinne ein Faraday‘scher Käfig, der bei einem Gewitter zuckende Blitze abhält und so dafür sorgt, dass ich als Fahrer nicht mit fünf Millionen Volt gegrillt werde.

Ich stelle mir immer vor, dass der Faraday‘sche Käfig auch sicherstellt, dass keins von meinen Worten die Karosserie verlässt. Das ist zu meinem eigenen Schutz ganz gut so.

Denn ich bin zwar ein netter Fahrer, der den Abstand zum Fahrer vor ihm beachtet, der nicht rüde drängelt und der immer mal gern einem anderen Fahrer die Vorfahrt lässt. Aber – ich habe ein loses Mundwerk.

Im Auto fluche ich wie ein betrunkener Bierkutscher, wie ein Infanterist im eiskalten Matsch oder wie ein gefallenes Mädchen, das am Straßenrand vor einer Pfütze steht und vom vorbeifahrenden Auto eine ganze Husche Schmodder abbekommt.

Es gibt eben so Situationen, da könnte ich völlig ausrasten. Der geistig retardierte Vollspacko, der sich vor mir in meinen Sicherheitsabstand reindrängelt. Der hirnamputierte Motorradfahrer, der Slalom zwischen den Autos fährt, als wäre er auf dem Rummel. Der verpickelte Mikropenis, der mir den Parkplatz in der Innencity klaut, obwohl ich doch schon lange den Blinker gesetzt habe. Der schnarchnasige Suppenkasper, der mit 30 auf der linken Spur fährt. Die asthmatische Gurkennase, die ohne zu blinken aus der Parklücke ausschert. Die kuhäugige Dorfpomeranze, die den Kreisverkehr nicht kapiert und mir fast die Stoßstange abfährt.

Ich entwickele einen enormen Erfindungsgeist, wenn es darum geht, andere Verkehrsteilnehmer verbal zu maßregeln. Dann ist es gut, wenn die Fenster geschlossen sind und niemand hören kann, in welchen niederen Gefilden ich mich befinde und welche abenteuerlichen Metaphern zum Einsatz kommen. Ist das Fenster ob der Hitze nach unten gekurbelt, kommt ein wenig semantische Umschreibung zum Einsatz. Aus der „doofen Kuh“ wird so etwa der vierbeinige bovine Wiederkäuer mit einem Elektronenfluss im Hirn, der auf der Geschwindigkeit der Erregungsleitung in Kaltwasserkraken basiert. Die ist nämlich extrem langsam. Tatsächlich ist „Du denkst so langsam wie ein Krake“ eine der schlimmsten Beleidigungen, die es gibt.

Die Frage ist natürlich: Was bringt eine fröhlich ersonnene Beleidigung, wenn der Verursacher gar nicht mitbekommt, wie viel Mühe man sich doch damit gegeben hat, ihn verbal einmal mit dem Gesicht voran durch den Schweinekoben zu ziehen?

Nun, alleine die Tat, die Beleidigungen ausgesprochen zu haben, reduziert den Ärger, den Grimm und die Wut. Das sorgt dafür, dass man den Berliner Großstadtverkehr mit lauter Gehirn-amputierten Tretroller-Anarchisten viel besser ertragen kann. Im Grunde genommen ist das schamlose Schimpfen ein Ventil, das den Druck ablässt und auf diese Weise dafür sorgt, dass man auch den nächsten Stau trotz der Lebenszeit-verkürzenden Langeweile doch noch mit geistiger Gesundheit verlassen kann.

Leider ist es so, dass das obsessive Schimpfen in den letzten Wochen, Monaten und Jahren immer noch an Intensität zunehmen musste. Das liegt an den schielenden Nacktschnecken, die penetrant zu langsam durch die Straßen zuckeln. Und an den zappelwütigen und drüsenkranken Vokuhila-Proleten, die ständig den Plattfuß auf dem Gaspedal haben und lieber eine Testosteron-besoffene Komplettkarambolage provozieren als nur einmal dem Gegenspieler auf der Straße den Vortritt zu lassen.

Natürlich könnte ich dem ganzen Drama auch entgehen und mit der Bahn fahren. Aber seien wir einmal ehrlich. Würde ich in der Bahn den Mund aufmachen, um den hier täglich aufschlagenden Ausstoß einer längst vom Personal verlassenen mobilen Irrenanstalt zu kommentieren, dann würde ich die nächste Station nicht mehr lebend erreichen.

Ganz in diesem Sinne ist es ein Geschenk an dieses Universum, dass niemand hören kann, was ich im gut verschlossenen Auto vor mich hinmurmele. (Carsten Scheibe, Foto oben: Tanja M. Marotzke)

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