Anzeigenzeitung für Zehlendorf, Steglitz & Umland - 03322-5008-0 - info@zehlendorfaktuell.de

26.08.2017

Scheibes Kolumne: Mit einem Fluch auf den Lippen

Ich bin ein sehr ausgeglichener Mensch. Ich lächle, wenn mich jemand beleidigt. Ich muss meinen Willen nicht mit der Brechstange durchdrücken. Ich habe eigentlich immer gute Laune. Aber wehe, wenn ich Auto fahre. Das PS-Gefährt ist ja im physikalischen Sinne ein Faraday‘scher Käfig, der bei einem Gewitter zuckende Blitze abhält und so dafür sorgt, dass ich als Fahrer nicht mit fünf Millionen Volt gegrillt werde.

Ich stelle mir immer vor, dass der Faraday‘sche Käfig auch sicherstellt, dass keins von meinen Worten die Karosserie verlässt. Das ist zu meinem eigenen Schutz ganz gut so.

Denn ich bin zwar ein netter Fahrer, der den Abstand zum Fahrer vor ihm beachtet, der nicht rüde drängelt und der immer mal gern einem anderen Fahrer die Vorfahrt lässt. Aber – ich habe ein loses Mundwerk.

Im Auto fluche ich wie ein betrunkener Bierkutscher, wie ein Infanterist im eiskalten Matsch oder wie ein gefallenes Mädchen, das am Straßenrand vor einer Pfütze steht und vom vorbeifahrenden Auto eine ganze Husche Schmodder abbekommt.

Es gibt eben so Situationen, da könnte ich völlig ausrasten. Der geistig retardierte Vollspacko, der sich vor mir in meinen Sicherheitsabstand reindrängelt. Der hirnamputierte Motorradfahrer, der Slalom zwischen den Autos fährt, als wäre er auf dem Rummel. Der verpickelte Mikropenis, der mir den Parkplatz in der Innencity klaut, obwohl ich doch schon lange den Blinker gesetzt habe. Der schnarchnasige Suppenkasper, der mit 30 auf der linken Spur fährt. Die asthmatische Gurkennase, die ohne zu blinken aus der Parklücke ausschert. Die kuhäugige Dorfpomeranze, die den Kreisverkehr nicht kapiert und mir fast die Stoßstange abfährt.

Ich entwickele einen enormen Erfindungsgeist, wenn es darum geht, andere Verkehrsteilnehmer verbal zu maßregeln. Dann ist es gut, wenn die Fenster geschlossen sind und niemand hören kann, in welchen niederen Gefilden ich mich befinde und welche abenteuerlichen Metaphern zum Einsatz kommen. Ist das Fenster ob der Hitze nach unten gekurbelt, kommt ein wenig semantische Umschreibung zum Einsatz. Aus der „doofen Kuh“ wird so etwa der vierbeinige bovine Wiederkäuer mit einem Elektronenfluss im Hirn, der auf der Geschwindigkeit der Erregungsleitung in Kaltwasserkraken basiert. Die ist nämlich extrem langsam. Tatsächlich ist „Du denkst so langsam wie ein Krake“ eine der schlimmsten Beleidigungen, die es gibt.

Die Frage ist natürlich: Was bringt eine fröhlich ersonnene Beleidigung, wenn der Verursacher gar nicht mitbekommt, wie viel Mühe man sich doch damit gegeben hat, ihn verbal einmal mit dem Gesicht voran durch den Schweinekoben zu ziehen?

Nun, alleine die Tat, die Beleidigungen ausgesprochen zu haben, reduziert den Ärger, den Grimm und die Wut. Das sorgt dafür, dass man den Berliner Großstadtverkehr mit lauter Gehirn-amputierten Tretroller-Anarchisten viel besser ertragen kann. Im Grunde genommen ist das schamlose Schimpfen ein Ventil, das den Druck ablässt und auf diese Weise dafür sorgt, dass man auch den nächsten Stau trotz der Lebenszeit-verkürzenden Langeweile doch noch mit geistiger Gesundheit verlassen kann.

Leider ist es so, dass das obsessive Schimpfen in den letzten Wochen, Monaten und Jahren immer noch an Intensität zunehmen musste. Das liegt an den schielenden Nacktschnecken, die penetrant zu langsam durch die Straßen zuckeln. Und an den zappelwütigen und drüsenkranken Vokuhila-Proleten, die ständig den Plattfuß auf dem Gaspedal haben und lieber eine Testosteron-besoffene Komplettkarambolage provozieren als nur einmal dem Gegenspieler auf der Straße den Vortritt zu lassen.

Natürlich könnte ich dem ganzen Drama auch entgehen und mit der Bahn fahren. Aber seien wir einmal ehrlich. Würde ich in der Bahn den Mund aufmachen, um den hier täglich aufschlagenden Ausstoß einer längst vom Personal verlassenen mobilen Irrenanstalt zu kommentieren, dann würde ich die nächste Station nicht mehr lebend erreichen.

Ganz in diesem Sinne ist es ein Geschenk an dieses Universum, dass niemand hören kann, was ich im gut verschlossenen Auto vor mich hinmurmele. (Carsten Scheibe, Foto oben: Tanja M. Marotzke)

Seitenaufrufe: 6

Zum Thema passende Artikel

25.04.2018

Scheibes Kolumne: Verrückte Begegnungen

Letztens steh ich mit dem Auto an der roten Ampel und warte, dass es grün wird. Neben mir ist die Bushaltestelle mit all den pubertierenen Teenagern, die nach der Schule nach Hause wollen. Plötzlich donnert energisch eine kleine Faust gegen das Fenster meiner Beifahrertür. Ich kurbele das Fenster runter und erwarte, einen renitenten Teenager vor mir zu haben, der vielleicht die Farbe meines Autos doof findet. mehr…

24.04.2018

Nachgefragt #19: Frank Mückisch

Frank Mückisch (61) ist in Steglitz-Zehlendorf Bezirksstadtrat für die Abteilung Bildung, Kultur, Sport und Soziales. Bevor Frank Mückisch Stadtrat wurde, hat er in einem Steuerbüro gearbeitet, war bei der Deutschen Rentenversicherung Bund tätig und hat an der Hochschule des Bundes am Fachbereich Sozialversicherung gelehrt. mehr…

24.03.2018

Nachgefragt #18: Carolina Böhm, Stadträtin

Carolina Böhm ist Stadträtin für Jugend, Gesundheit und Integration in Zehlendorf-Steglitz. Über sich selbst erzählt sie: „Im Jahr 1985 bin ich aus Düsseldorf nach Berlin gezogen, um hier Politikwissenschaften zu studieren. Das Studium habe ich mit dem dazugehörigen Diplom abgeschlossen und betrachte mich, seit ich hier den größten Teil meiner Lebenszeit verbringe, als Berlinerin. mehr…

24.02.2018

Scheibes Kolumne: In Morpheus Armen

Ich habe eine Superkraft. Ich kann nicht fliegen, kann kein Geld herbeizaubern und kann auch nicht mit der Faust durch Betonmauern hauen. Dafür kann ich aber eins ganz besonders gut – schlafen. Ich schaffe es, in jeder Situation und an jedem Ort einzuschlafen. mehr…

24.02.2018

Nachgefragt #17: Dr. Mechtild Nienhaus-Wasem

Dr. phil. Mechtild Nienhaus-Wasem (71) hat eine aufregende Zeit hinter sich. Zusammen mit ihrem Mann, der für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) tätig war, hat sie 18 Jahre in Nicaragua, Ecuador, Costa Rica und Guatemala gelebt. mehr…

29.01.2018

Scheibes Kolumne: Alles eine Frage der Hygiene!

Es war auf dem Weg zu einem Golfplatz, als ein Freund von mir noch auf dem Parkplatz zu einem geheimnisvollen Fläschchen griff und sich den Inhalt großzügig über beide Hände kippte. Es roch auf einmal streng im engen Auto – wie nach Desinfektionsmittel. Und genau das war es auch, ein Desinfektionsmittel für die Hände. mehr…

29.01.2018

Nachgefragt #16: Cerstin Richter-Kotowski

Cerstin Richter-Kotowski (geb. 14. April 62) ist in Zehlendorf aufgewachsen und hat ihr Abitur 1981 an der Droste-Hülshoff-Schule absolviert, um anschließend an der FU Berlin Jura zu studieren. Die Volljuristin (verheiratet, ein Sohn) ist seit 1991 im öffentlichen Dienst des Landes Berlin beschäftigt. mehr…

19.12.2017

Scheibes Kolumne: Weihnachten kann kommen!

Bereits im November bricht in der Familie die nackte Panik aus: Weihnachten kommt. Dabei war doch eben erst noch Ostern! Und schon schlagen Printen und Spekulatius im Supermarkt auf, tönt „Last Christmas“ aus dem Radio und schickt Coca-Cola mit lautem „Ho Ho Ho“ wieder den Weihnachtsmann auf PR-Tour. mehr…

19.12.2017

Nachgefragt #15: Ann-Kristin Ebeling

Meine Mitarbeit am Magazin ZEHLENDORF.aktuell begann im März 2015. Ich lerne die Menschen und den Bezirk Steglitz-Zehlendorf von Monat zu Monat intensiver kennen. Ich liebe die Vielfältigkeit und die Historie und finde immer wieder neue Ecken, wo es sich lohnt, einen Abstecher hin zu machen. mehr…

16.12.2017

Scheibes Kolumne: Viel Spaß beim Live-Konzert

Musik ist toll. Musik ist einzigartig. Musik verbindet die Menschen. Und so tut man sich auch mit 50 Jahren noch den Stress an, auf ein Live-Konzert zu gehen. Gerade Berlin bietet sich dafür doch wunderbar an. Es gibt kleine, intime Clubs und gigantische Bühnen wie das Olympia-Stadion oder die Mercedes-Benz-Arena. mehr…

16.12.2017

Nachgefragt #14: Jan Puhlmann

Jan Puhlmann (Jahrgang 67), eigentlich eine Kieler Sprotte, möchte sich als ein aufgewachsener Zehlendorfer verstanden wissen, da er hier Laufen und Sprechen gelernt hat. Er besuchte die Mühlenau-Grundschule und machte 1985 sein Abitur am Werner-von-Siemens-Gymnasium in Nikolassee. mehr…

27.10.2017

Scheibes Kolumne: Nass oder trocken rasieren?

Seit die Hormone sprießen, tun dies auch die Haare. Leider nicht auf dem Kopf. Von hier aus fallen die Haare zunehmend auf den Rücken herunter und hinterlassen eine kahle Stelle, in der sich die Sonne spiegelt. Dafür wachsen die Haare aber im Gesicht. mehr…

27.10.2017

Nachgefragt #13: Katrin Kaiser

Katrin Kaiser (55): Ich bin in Berlin geboren und lebe seit fast 45 Jahren in Nikolassee. Ich kenne noch die Buslinie 18, die uns ohne Umwege nach Zehlendorf brachte. Seit mehreren Jahre habe ich eine Nachhilfeschule in Zehlendorf – „Des Kaisers neue Schule“. Viele Schüler haben mit unserer Hilfe ihre Wunschnote bekommen. mehr…

27.10.2017

Scheibes Kolumne: Team Hund oder Team Katze?

Liebe Freunde, es ist an der Zeit, dass wir über ein Thema sprechen, das uns bestimmt alle umtreibt – Katzen! Längst sind diese Miau-krächzenden Vierbeiner in den meisten Wohnungen der Menschen angekommen. Und haben sich hier eingenistet wie Zecken an einem Hund. mehr…

27.10.2017

Nachgefragt #12: Carsten Scheibe

Carsten Scheibe (Jahrgang 67) ist in Zehlendorf geboren. Er ist in der Onkel-Tom-Straße am U-Bahnhof „Onkel Toms Hütte“ aufgewachsen, hat also als Kind in der Krumme Lanke gebadet und im Riemeisterfenn Holzflöße gebaut. Er hat die Riemeister Grundschule besucht und sein Abitur auf dem Werner-von-Siemens-Gymnasium in Nikolassee gebaut. mehr…

26.08.2017

Scheibes Kolumne: Mit einem Fluch auf den Lippen

Ich bin ein sehr ausgeglichener Mensch. Ich lächle, wenn mich jemand beleidigt. Ich muss meinen Willen nicht mit der Brechstange durchdrücken. Ich habe eigentlich immer gute Laune. Aber wehe, wenn ich Auto fahre. Das PS-Gefährt ist ja im physikalischen Sinne ein Faraday‘scher Käfig, der bei einem Gewitter zuckende Blitze abhält und so dafür sorgt, dass ich als Fahrer nicht mit fünf Millionen Volt gegrillt werde. mehr…

26.08.2017

Nachgefragt #11 – Michael H. Schulze

Seit über 10 Jahren arbeitet Michael H. Schulze (29) in der Werbe- und Kreativbranche. Er gründete nach seinem Masterstudium im Fachbereich „Marketingkommunikation“ 2014 die Qualedia Werbeagentur (www.qualedia-agentur.de). Seitdem arbeitet er als Marketingberater in Zehlendorf-Mitte – und ist dabei spezialisiert auf den Markenaufbau und das Empfehlunsgmarketing. mehr…

13.07.2017

Scheibes Kolumne: Angriff der Killerschnecken

Ich habe leider keinen Grünen Daumen. Pflanzen tendieren in meiner Nähe zum selbstgewählten Freitod, ganz egal, wie viel Licht, Wasser und Dünger zur Verfügung steht. Ich nehme das längst nicht mehr persönlich. Es ist sicherlich die vegane Rache für meinen Spruch im Biologiestudium, dass Botanik die Lehre vom Tierfutter ist. mehr…

13.07.2017

Nachgefragt #10: Anke Otto

Anke Otto (68) ist Bezirksstadträtin a.D. und Vorsitzende des Vereins Freunde der Domäne Dahlem e.V. Sie sagt über sich: Seit über 30 Jahren wohne ich in Zehlendorf. Als ich zum Studium nach Berlin kam, reizten mich erst einmal das aktive Leben in der Innenstadt und die vielen Angebote an Kultur und politischen Aktivitäten. mehr…

03.07.2017

Scheibes Kolumne: Schock an der Supermarktkasse

Letztens stand ich an der Kasse meines bevorzugten Supermarktes an und wuchtete die Einkäufe auf das Band. Dabei wanderte mein Blick über die Auslagen an der Kasse, vornehmlich über das bunte Kaugummiangebot. Und dann erschrak ich. Heftig. mehr…

02.07.2017

Nachgefragt #9: Andrea Vee

Andrea „Vee“ (ein liebevolles Überbleibsel / Spitzname aus ihrer Zeit in Schottland), gelernte Fremdsprachenkorrespondentin, ist eigentlich ein Wilmersdorfer „KuDamm-Kind“, entschloss sich aber nach der Geburt ihrer Tochter Ende der 80er Jahre nach Zehlendorf zu ziehen, um ihr Kind in diesem schönen Bezirk aufwachsen zu sehen. mehr…

30.05.2017

Scheibes Kolumne: Es kribbelt in der Nase …

Fröhlich tanze ich durch den Winter. Bei Schneegriesel, Minustemperaturen und frostigem Wind wird allenfalls die Nase rot. Grippale Infekte meiden mich aber wie die Pest: Die Atemwege bleiben frei. Ganz anders sieht der Fall aus, wenn die Temperaturen steigen und die Natur wieder erwacht. mehr…

Unsere Schwestern­zeitung