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30.05.2017

Scheibes Kolumne: Es kribbelt in der Nase …

Fröhlich tanze ich durch den Winter. Bei Schneegriesel, Minustemperaturen und frostigem Wind wird allenfalls die Nase rot. Grippale Infekte meiden mich aber wie die Pest: Die Atemwege bleiben frei. Ganz anders sieht der Fall aus, wenn die Temperaturen steigen und die Natur wieder erwacht.

Den Frühling mit seinen austreibenden Blättern, den Kirschblüten und den aufschießenden Gräsern verstehe ich als erste Warnung: Pass auf, es geht bald wieder los. Und tatsächlich ist es so: Mein Körper entwickelt plötzlich ein unheiliges Eigenleben. Aus einem perfekt geformten und strahlenden Adonis wird fast über Nacht ein triefäugiger Quasimodo mit verquollener Nase und nasalem Sprachfehler: Der Heuschnupfen ist wieder da!

Es beginnt mit einem Kratzen in der Nase, als hätte sich hier ein Volk räuberischer Miniaturameisen eingenistet, die ihre Kiefer in meine zarte Nasenschleimhaut rammen. Und dann: Meine Augen beginnen zu jucken, als hätte jemand Hagebuttenpulver auf die Linse gestreut. Zugleich fühlt es sich an, als würde eine Lage Sandpapier auf die Innenseite der Augenlider getackert sein. Die Lunge rasselt, als würde eine Tüten Erbsen jedes Lungenbläschen verstopfen.

Zugleich bringt der einsetzende Heuschnupfen ein neues Verständnis der menschlichen Anatomie mit sich. Denn gereizt, provoziert und gefoltert werden alle Schleimhäute. Ohne Ausnahme. So auch die Eustachsche Röhre, die den Rachen mit dem Mittelohr verbindet. Die Schleimhaut dieser Röhre kann unerreichbar mitten im Schädel zu jucken beginnen. Das sorgt dann für röchelnde Laute beim betroffenen Opfer, als würde es versuchen, das eigene Kleinhirn durch die Nasennebenhöhlen anzusaugen und ohne Betäubung zu entfernen, um sich Linderung zu verschaffen.

Heuschnupfen, das ist aber nicht nur Kribbeln und Jucken an völlig neuen Körperstellen. Der eigene Körper produziert plötzlich Schleim im nie gekannten Ausmaße, sodass jeder halbwegs gesunde Mensch freiwillig auf die andere Straßenseite wechselt, wenn man ihm röchelnd, schniefend und rotzend auf dem Trottoir entgegenwankt.

Nach ein paar Tagen der reinen Agonie sind die emotionalen Abwehrkräfte auch schnell so weit gesunken, dass einem alles egal ist. Man torkelt durch den eigenen Alltag und absolviert ihn auf niedrigem Niveau so gut es eben geht. Ob man in der Firma bei einer Rechnung ein paar Nullen zu viel überweist – egal. Ob der Hund das Rinderfilet für das Abendessen weggeputzt hat – egal. Aliens sind im eigenen Garten gelandet und möchten mit dem Präsidenten reden – egal. Hauptsache, dieser ständige Druck im Kopf hört auf und die Schleimproduktion stoppt, bevor man sich noch in eine menschliche Nacktschnecke verwandelt.

Heuschnupfen ist ja im Grunde genommen nix anderes als ein Amoklaufen der körpereigenen Abwehrkräfte. Man sagt ja, das passiere vor allem sterilen Stadtmenschen, die in der Kindheit keinen natürlichen Keimen ausgesetzt waren, sodass sich das Immunsystem neue Herausforderungen sucht. Wenn das stimmt, dann fühle ich mich veräppelt. Ich habe als Kind Würmer gegessen, bin auf Mülltonnen über überschwemmte Straßen gesegelt, habe mit den Fingern im Dreck gewühlt und Äpfel direkt von den Bäumen der Nachbarn gefuttert. Eigentlich müsste jeder Heuschnupfen sagen: „Respekt, Alter, du hast keine Bazille ausgelassen. Dich verschonen wir.“

Natürlich habe ich gekämpft. Zwei Desensibilisierungen, also jahrelange Spritzen. Immer neue Allergietests und Blutabnahmen. Medikamente, die so müde machen, dass keine aktiven Hirnströme mehr gemessen werden können. Augentropfen, Nasensprays, Anti-Asthma-Inhalatoren und immer wieder Pillen, Pillen, Pillen.

Ich erinnere mich an einen Allergietest, bei dem ich lauter Tropfen auf den Unterarm bekam, unter denen dann die Haut eingeritzt wurde. Alle Markierungen schwollen an, sogar die Blindproben. Insofern gibt es kaum etwas, gegen das ich nicht allergisch bin: Katzen, Birken, Hausstaub, vor allem aber Gräser, Gräser und immer wieder Gräser. Wegen mir könnte man aus jeder schönen Wiese einen Parkplatz aus Beton machen.

Eigenbluttherapien, Homöopathie, Hypnose oder Akupunktur habe ich bislang noch ausgelassen – irgendwann resigniert man eben doch und fügt sich in sein Schicksal. Zumal es immer eine Lösung für jedes Problem gibt, die funktioniert.

Meine ist es, über den Sommer ans salzige Meer zu fahren, um so viele Wochen der Hoch-Heuschnupfenzeit wie es nur geht außerhalb der Kribbelnasenzone zu verbringen. Das funktioniert am besten auf einem anderen Kontinent, auf dem ganz andere Gräser und Pollenschleudern wachsen – eben solche, die bei mir keinen Schleimschwall auslösen und auch das Hirn nicht anschwellen lassen, sodass es nur noch zehn Prozent Leistung bringt.

In diesem Jahr werde ich dem Heuschnupfen von Marokko aus den Mittelfinger zeigen. (Carsten Scheibe, Foto oben: Tanja M. Marotzke)

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