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23.04.2017

Scheibes Kolumne: 50 Jahre im Sauseschritt

Alles im Leben hat seine Zeit. Der Autor dieser Kolumne ist gerade 50 Jahre alt geworden, die Hälfte des Lebens ist also vorbei. Mitleidig fragen Freunde: Und, war‘s schlimm? Nein, es hat gar nicht wehgetan. Es ist nur ein weiterer Schritt auf der Leiter der Erkenntnis, dass man nur einmal lebt. Wenn man das aber richtig macht, dann reicht das ja auch.

Lohnend ist es auf jeden Fall, einmal die ersten 50 Jahre Revue passieren zu lassen, um zu schauen, wie sich die Prioritäten immer wieder neu verschoben haben:

Mit 0 Jahren: Sitze in meinem Gitter-Laufstall und beobachte die Welt. Hunger! Müde! Keine Ahnung, wo ich hier gelandet bin!

Mit 10 Jahren: Hoffentlich reicht das Taschengeld für eine prall gefüllte Tüte Süßigkeiten am Kiosk. Groschenromane sind die einzig wahre Lektüre, vor allem SciFi wie „Perry Rhodan“ oder Gruselhefte wie der „Dämonenkiller“. Abhängen mit den Freunden an der Krummen Lanke ist super, wir müssen mal wieder ein Floß bauen und übers Moor am Riemeister Fenn schippern. Mädchen sind komisch. Habe eine gefragt: Willst du mit mir gehen? Sie fragt: Wohin denn?

Mit 20 Jahren: Mädchen sind super. Aber heiraten und Kinder kriegen? Nur über meine tote Leiche. Geht ja gar nicht. Wohne jetzt schön cool in einer WG direkt am Kreuzberg-Park. Zum Frühstück gibt es gegrillte Würstchen im Brötchen aus dem Park. Musik ist das Wichtigste in meinem Leben, angesagt sind Neil Young, Dire Straits und BlancMange. Die HiFi-Anlage ist mein teuerster Besitz. Zur Uni fahre ich mit einem alten roten VW Derby. Das Auto fällt am Ende förmlich auseinander, als ich mit ihm „fertig“ bin. Das Biologie-Studium ist absolut mein Ding. Wenn ich damit fertig bin, gehe ich in die Forschung und verändere die Welt.

Mit 30 Jahren: Nun habe ich doch geheiratet. Das erste Kind ist da. Ein Haus wird gebaut. Wie ist das denn passiert? Egal: Ist toll und es macht viel Spaß, Papa zu sein. Endlich jemand, der sich mit mir über im Garten gefundene Schlangen, Frösche und Käfer freut. Das Biologie-Studium habe ich nach dem Diplom ad acta gelegt. Geld war wichtiger: Habe in der Konsequenz ein Pressebüro gegründet und schreibe nun Texte. Und das rund um die Uhr. Freizeit? Kenn ich nicht. Meine Frau kümmert sich um meine Sozialkontakte. Verreisen in ferne Länder ist meine neue Leidenschaft.

Mit 40 Jahren: Midlife-Crisis. Stelle schockiert fest: Jetzt bin ich zu alt, um noch einmal mit einem ganz neuen Beruf durchzustarten. Das mit dem Texteschreiben sollte also besser das restliche Leben halten, sonst könnte es doch noch problematisch werden. Das macht mir große Angst. Also muss ein Cabrio her – das hilft. Meine Mit-Vierziger und ich, wir stellen fest, dass wir nur noch funktionieren und nicht mehr richtig leben. Also erfüllen wir uns ein paar Träume und gehen zusammen Schrotflinteschießen, Fechten, Golfen, Bogenschießen und Klettern. Pokern wird eine ganz neue, große Leidenschaft. Und von den Sport-Events bleibt das Bogenschiessen hängen. Also trete ich in einen Verein ein und schieße schon bald Kreis- und Landesmeisterschaften mit. Für die Kinder kommt ein Hund ins Haus. Stelle fest: Ein Leben ohne Hund funktioniert, ist aber nicht lebenswert.

Mit 50 Jahren: Eben noch ein junger Adonis, macht sich nun plötzlich der körperliche Verfall bemerkbar. Die Haare schwinden, die Sehstärke lässt nach, die Knochen schmerzen. Wo kommt das denn auf einmal her? Das mit dem Schreiben funktioniert aber immer noch. Also lässt die Panik langsam nach, denn mit 50 kann ich definitiv nicht mehr in einem neuen Job durchstarten. Dafür werde ich von Tag zu Tag entspannter und habe zunehmend mehr Spaß am Leben. Und noch so viel vor: Ich möchte mehr lesen, mehr Sport machen, mehr Konzerte besuchen. Wenn der Tag doch nur mehr Stunden hätte! (Carsten Scheibe, Foto oben: Tanja M. Marotzke)

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